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Die allerschönste Weisheit

Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit. (Sirach 1, 10)

Das Jahr 2022 steht nun in etwa in seiner Mitte. Zeit, innezuhalten. Und auch die Temperaturen und das Wetter laden dazu ein, erst einmal eine Pause zu machen – Sommerpause eben.

Dabei muss ich gerade an die Mittagspausen in den Filmen denken. Wenn es draußen heiß ist und die Sonne sticht, dann liegen die Menschen mit ihren großen Hüten auf dem Kopf irgendwo im Schatten. Nichts geht mehr, alles liegt still. Meistens kommt dann jemand durchs Bild geritten…

Die Mitte des Tages, sie ist eine Zeit zum Ausruhen, zum neu Orientieren – was war bisher, was kommt noch am Nachmittag und Abend? Deswegen läuten da auch die Glocken. Um wenigstens daran zu erinnern, dass es noch mehr gibt als das alltägliche Schaffen und Mühen. Daran zu denken, dass da noch jemand ist: an Gott, der ja immer noch den Tag in seiner Hand hält – das ist keine Kleinigkeit, vielleicht sogar wirklich: die allerschönste Weisheit.

Die Sommerzeit im Jahr hat vielleicht eine ähnliche Funktion. Ein halbes Jahr ist vorbei, für viele kommt jetzt die Urlaubszeit. Es ist heiß und das ruft nach einer Pause – einer Pause um durchzuatmen, und vielleicht auch, um sich Gedanken zu machen, was die zweite Hälfte des Jahres so mit sich bringt

Das Schöne an einer Pause ist ja oft, dass sich hier die Perspektive verändern kann. Wenn ich immer mittendrin bin, von Pontius zu Pilatus laufe, werkle und schaffe, dann ist mein Kopf oft eine Einbahnstraße. Dass es auch andere Strecken gibt, ist mir dann nicht immer bewusst. Das sehe ich erst, wenn ich Zeit habe, mal herumzuschauen. Dann sehe ich, wie viel hier links und rechts liegt und wie schön das eigentlich ist. Und wie spannend Umwege sein können.

Der katholische Theologe Johann Baptist Metz hat mal gesagt: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung.“ Unterbrechung unserer Routinen, unserer Vorurteile, unserer Geschäftigkeit – und Aufblicken zum Höchsten. Das heißt auch: sich unterbrechen lassen. Und dafür braucht man Zeit. Diese Zeit gibt es hoffentlich für uns alle auch in diesem Sommer!

„Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“ Doch wenn das nur ein schöner Sinnspruch bleibt, denn man einmal hört und dann wieder ad acta legt, dann entfaltet er seine Kraft nicht wirklich. Er muss ins Leben einsickern – und das ist eine beständige Übung: so wie Weisheit im Gegensatz zum Wissen auch eine Übung und nicht nur Lernen ist. Das ganze Leben besteht manchmal aus einem Ringen darum: Gott zu lieben, sich unterbrechen zu lassen, die Perspektive wechseln und von sich wegzusehen auf die anderen Menschen. Sich neu zu orientieren auf dem Weg durch das Jahr. Und das wünsche ich Ihnen für diese Sommerzeit!

Pfarrer Thomas Jäger

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