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Alles in Ordnung?

Ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.

„Alles“ – das klingt nach ganz schön viel. Beinahe zu viel. Ist wirklich „Alles“ in Ordnung, wenn einer das sagt? Ist wirklich „alles“ schrecklich, wenn eine andere das meint? Meistens – so zeigt die Erfahrung – nein. Nicht alles ist gut und nicht alles ist schlecht.

Aber dennoch gibt es ja dieses Gefühl: besonders gut gelaunt zu sein und Bäume ausreißen zu können. Dann kann ich frühmorgens aus dem Bett springen und auf der Matte ausrutschen – es macht mir nichts aus! Dann verkippe ich vielleicht meinen Kaffee und denke mir: Na und? Diesen Tag kann nichts trüben! Ein Anruf, dass es heute nicht klappt? Dann eben morgen! Meiner guten Stimmung steht nichts im Weg.

Und es gibt das andere Gefühl: heute so richtig niedergeschlagen zu sein.Dann quäle ich mich aus dem Bett, komme auf meiner warmen und weichen Matte zum Stehen und denke mir trotzdem: das fängt ja genauso furchtbar an,wie ich mich fühle! Dann rieche ich meinen guten Kaffee und sage mir trotzdem: irgendwie riecht der heute anders, nicht auch das noch, ist es denn nicht schon genug? Und der Anruf, dass es heute klappt,macht mich gar nicht froh, sondern stresst mich. Ich will zurück ins Bett!

So ist das mit unserer Stimmung: wie ein gut gestimmtes und beschwingt gespieltes Klavier auch Misstöne verträgt und ein schlecht gestimmtes auch aus den fröhlichsten Liedern Murks machen kann…dann kann auch wirklich „alles“ gut sein oder auch wirklich „alles“ furchtbar.

Das ist das Geheimnis hinter dem Satz: so wie es deiner Seele gut geht.Denn oft genug spiegelt sich die Stimmung unserer Seele in unserem Körper wider.Wenigstens an den Augen zeigt sich oft, ob sie vor Freude leuchten oder ob sie von Traurigkeit erfüllt sind. Deswegen ist derWunsch sehr sinnvoll: Ich wünsche dir, dass es dir in allen Stücken gut geht; dass das,was geschieht um dich herum, auf eine Seele trifft, die dem gewachsen ist, die aus einem tiefen Frieden schöpft!

Doch das ist gerade jetzt in diesen Zeiten bei mir ein großerWunsch und keine Wirklichkeit. In allen Stücken gesund, an Leib und Seele, der tiefe Friede in mir – es ist meine Sehnsucht.

Doch die Bilder aus der Ukraine, die noch immer anhaltende Pandemie, die Sorgen um die Menschen auch in unserem Land – ich fühle mich oft eher wie die Seele im Psalm 42: so schreit meine Seele, Gott, zu dir!

Denn dorthin, auf Gott, richtet sich auch die Sehnsucht nach Heilung: von innerer Zerrissenheit, von Angst und Schrecken – die Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung. Gerade,wenn man sich selbst ohnmächtig fühlt, an seine Grenzen kommt.Dann rufen wir in die Nacht hinaus und warten auf Gott und können hoffentlich irgendwann sagen: denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist (Psalm 42, 12).

Pfarrer Thomas Jäger

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