„Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten…
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“
von Rainer Maria Rilke
Der Herbst hat etwas Eigentümliches. Die Blätter fallen. Die Tage werden kürzer. Vieles zieht sich zurück. Die Natur tut weniger – und kann gerade darin wunderschön sein.
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat
seine Stunde.“
Prediger 3,1
Es gibt Zeiten, in denen wir viel leisten, aufbauen und gestalten. Und es gibt Zeiten, in denen wir weniger können und manches loslassen müssen. Das gehört zum Leben ebenso wie das Aufbrechen und Wachsen. Für ältere Menschen wird das besonders deutlich. Der Beruf ist vorbei, manches kann der Körper nicht mehr, Freunde und Weggefährten fehlen. Wer dann nur zurückschaut, sieht leicht, was alles vorbei ist: die Jugend, die Arbeit, die Pläne, die eigenen Möglichkeiten.
Wer dann nur nach vorn schaut, sieht Krankheit, Einsamkeit oder das Ende. Die Kunst besteht darin, im Heute zu leben. Denn auch im hohen Alter bleibt das Leben gegenwärtig. Ein Gespräch, ein Spaziergang, ein gutes Essen, ein Besuch, ein sonniger Herbsttag können Freude schenken. Es muss nicht mehr alles geleistet und erreicht werden. Das Leben darf auch einfach empfangen werden und bewegend(-t) sein.
Der Herbst zeigt uns das auf seine eigene Weise. Die Blätter fallen – und sie sind schön dabei. Die Sonne steht tiefer, aber ihr Licht kann besonders warm sein. Viele Menschen fahren gerade deshalb gern im Herbst noch einmal in den Urlaub: Die große Saison ist vorbei, es ist ruhiger geworden, und manchmal schenkt der Herbst sogar noch überraschend warme Tage. Auch mitten im Berufsleben kennen wir es: Pläne verändern sich. Kinder werden groß. Ein Haus wird zu groß. Eine Aufgabe endet. Etwas, das uns lange wichtig war, gehört plötzlich der Vergangenheit an. Das Leben wird dadurch nicht wertlos. Es bekommt eine neue Gestalt. Darum müssen wir dem Vergangenen nicht hinterhertrauern und die Zukunft nicht ängstlich festhalten. Wir können das Gute, das heute da ist, dankbar empfangen und alles in Bewegung setzen - nach unserer Art.
Im Herbst liegen Reformationsfest, Buß- und Bettag und Ewigkeitssonntag. Sie führen uns auf unterschiedliche Weise zu derselben Einsicht: Wir haben unser Leben nicht selbst in der Hand. Wir dürfen umkehren, loslassen und uns Gott anvertrauen. Und dann beginnt der Advent. Mitten in der dunkler werdenden Jahreszeit warten wir auf Licht. Gott kommt uns entgegen. Manches geht zu Ende und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält. Das ist keine Vertröstung. Es ist eine Verheißung, die unsere Lebensbewegung aufs Neue anspornt. Wir dürfen loslassen, was nicht mehr in unseren Händen bleiben kann. Wir dürfen dankbar annehmen, was uns heute geschenkt ist. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass wir selbst gehalten sind – in jeder Zeit unseres Lebens – damit wir wieder etwas bewegen können.
Pfarrer Adam Balcar
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